Nina Joanna Bergold

(D, Ludwigsburg). Nina Joanna Bergold (geb. 1980) studierte zunächst Humanmedizin an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, danach Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Cordula Güdemann und Prof. Volker Lehnert. Anschließend folgte ein Meisterschülerinnen Studium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart im Weißenhof-Programm bei Prof. Susanne Windelen und Dr. Petra Lanfermann. Seit 2016 Lehraufträge u. a. an der ABK Stuttgart, der TU Dortmund und der PH Ludwigsburg. Atelier in Ludwigsburg. About the artists

Genres: Cut out-Rauminstallation, Malerei

Kuratorische Notiz: Der ewige Hunger, Walfang für Teller und die Hunger-Industrie.

Werke: „Trawlers“, Another whale’s song“

„Trawlers“, Rauminstallation aus Kunstleder, Cutout, ca. 1300cm Länge, Höhe: 300-350cm, 2026. 14000€
„Another Whale’s Song”, 8 Exp., mixed media auf Holz, je 60 × 35cm, 2023. Je 1000€

„Trawlers“ Wir haben Hunger. Nach Fortkommen, nach Reichweite. Nach Energie und nach Rohstoffen. Unermüdlich ziehen wir unsere Schleppnetze.

Mein Folienschnitt hängt quer durch den Raum gespannt, ein großes Netz aus schwarzem Material, verbunden mit der Decke und dem Boden. Die Arbeit ist geschnitten aus bi-elastischem Kunstleder, das hier ausnahmsweise nicht zum Bezug von Autositzen verwendet wurde.

Im Herumgehen tauchen Figuren, Bewegungen und Fragmente auf. Seltsame Objekte liegen oder schweben im gezeichneten Raum. Arme und Hände greifen, krallen, verschwimmen, sind unvollständig und uneindeutig. Figuratives hebt sich ab und ist gleichzeitig eins mit den umgebenden Strukturen. Die alte Werkshalle, mit ihren Blautönen, Fenstern und Säulen, wird zum Bildgrund.

Das Hin und Her von Zeichnen und Schneiden macht aus meiner Arbeit einen Prozess, bei dem sich im Laufe der Zeit Bedeutungen wandeln oder aus Vorhandenem neu entstehen. Der Scherenschnitt reduziert die Zeichnung auf Schwarz und Nichts, auf da oder nicht da, der umgebende Raum, auch die Betrachtenden, werden immer mitgelesen. Das gibt mir die Möglichkeit, mit der Wahrnehmung zu experimentieren und scheinbare Gegensätze miteinander zu verbinden. Dreidimensionalität ist Illusion und gleichzeitig real. Eine Linie kann Fuß sein, einfach nur Linie oder reines Material. Die rhythmische Ästhetik der Linien ist schön oder kann bedrohlich sein, je nach Blickwinkel – Netze können halten und sichern oder einschnüren und töten. (Nina Joanna Bergold)

„Another whale’s song“ Der Wal ist für mich ein Bild für unser eigenes „In-der-Welt-sein“ zwischen Materie und Wirklichkeit. Er stillte, als reiner Körper, den ersten Hunger der Industrialisierung. Sein Öl war Rohstoff für Seife, Margarine, Lack, es schmierte Maschinen und brannte in Lampen. Sein Knochen fand sich in Düngern und Korsetten, sein Fleisch wurde an Katzen verfüttert. 

Der Wal hält uns den Spiegel vor – und verschwindet dahinter. Er ist Tier, Körper, schiere Masse. Ein Wesen, intelligent, fremdartig, flüchtig. Er verändert sich mit unserem Blick auf ihn und uns. Wir können ihn verfolgen, abhören, sezieren. Wir machen ihn zum literarischen Helden und zum Beifang. Was sehen wir wirklich? Oft nicht viel, ein paar schwarz glänzende Rückenteile oder Schwanzflossen, aufgenommene Frequenzen, ein ausgestelltes Skelett im Naturkundemuseum. (Nina Joanna Bergold)